Sollen Tiere Namen haben?

Tiere sind keine Sachen mehr.

Seit dem 1. 1. 2003 sind gemäss ZGB Art. 641a, Abs.1 Tiere keine Sachen mehr. Trotzdem gelten für Tiere im Wesentlichen nach wie vor die auf Sachen anwendbaren Bestimmungen des Strafgesetzbuches (StGB). Dieser Gesetzesartikel ist aber trotzdem ein Hinweis darauf, dass Tiere in unserer Gesellschaft als Mitgeschöpfe wahrgenommen werden sollen. Genügt das? Nein nicht ganz, denn nur wenn Tieren zusätzlich auch der nötige Respekt entgegen gebracht wird und sie artgerecht behandelt und gehalten werden, kommen wir unser Verantwortung gegenüber diesen Lebewesen nach.

 

So wichtig und richtig diese Forderungen auch sein mögen, sie allein sagen nicht alles aus über die Beziehung zwischen Mensch und Tier.

 

Als im „Der kleine Prinz“ von Antonie de Saint-Exupéry der kleine Prinz den Fuchs, fragte, wie sie Freunde werden können, antwortete der Fuchs: „Du musst mich zähmen aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt. Du musst sehr geduldig sein. Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel, anschauen und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können ..."

 

Ein Fuchs, ein Hund, ein Pferd oder eine Kuh sind wie Hunderte und Tausende andere Tiere auch. Wir sehen sie nur mit den Augen. Wenn wir sie aber mit dem Herze sehen, werden sie einmalig, einzigartig, unverwechselbar. Sie werden zu Freunden, die nehmen und geben. Wir Menschen neigen dazu allem einen Preis zu geben und vergessen dabei den Wert. Der Preis wird vom Markt definiert, der Wert von unserer Beziehung zu Sachen, Tieren und Menschen. Der Name eines Tieres ist in der Regel ein Hinweis darauf, dass eine persönliche Beziehung zwischen Mensch und Tier besteht und symbolisiert Nähe und Respekt.

 

Ich weiss natürlich als ehemaliger Bauer, dass auch der Preis stimmen muss, wenn man in unserer Gesellschaft überleben will. Ich weiss, dass es zum Beispiel in Grossmästereien, auch wenn die Tierschutzvorschriften eingehalten werden, die Verantwortlichen unmöglich all ihre Tiere persönlich kennen und erkennen können. Auch gibt es gegenteilige Beispiele, wo Haustiere, die sehr wohl einen Namen haben, vernachlässigt und missbraucht werden. Es gilt aber nebst diesen Ausnahmen an die vielen Haustierbesitzer und Landwirtschaftsbetriebe zu denken, wo die Tiere einen Namen haben und die persönliche Beziehung zwischen Mensch und Tier gelebt wird.

 

Saint Exupéry ging es nicht in erster Linie um die Beziehung zwischen Mensch und Tier, ihm ging es um das Verhältnis zwischen den Menschen. Aber wenn wir Menschen nicht fähig sind Pflanzen und Tieren den nötigen Respekt entgegen zu bringen, werden wir auch den Zugang zu den Mitmenschen und schliesslich zu uns selbst nicht finden. Tiere, die nicht sprechen sondern nur hören können, geben mit ihrem Verhalten uns gegenüber untrügliche Hinweise, wer, wie und was wir sind.

Hans Peter Michel, Standespräsident des Kantons Graubünden

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